Beyond Punishment / Film / Interview

Interview mit Hubertus Siegert

Wie sind Sie vorgegangen, um die Protagonisten für den Film zu finden?

Die Suche der Protagonisten hat eine Menge Zeit in Anspruch genommen. Die finalen Konstellationen waren die, die auch bereit waren, sich filmen zu lassen und einzusteigen in einen beidseitigen Austausch. Als Filmemacher greift man da natürlich in den Verlauf ein, aber ohne Unterstützung von außen sind solche Konflikte in der Regel nicht zu bewältigen. So wurde die Möglichkeit eines Austausches den Protagonisten meist erst im Laufe des Films deutlicher; ich habe damit nicht begonnen. Der Weg der Suche nach Protagonisten ging eigentlich immer über die Seite der Opfer. Wenn man versucht, von der Täterseite her auf die Opferseite zuzugehen, ist das für diese in der Regel viel zu bedrohlich. Ich habe das ein paar Mal erlebt und es hat sich schnell als Fehler herausgestellt. Im Film wollte keine der Familien auf Täterseite mitmachen, doch das ist Zufall; wahrscheinlich hätte ich sie sonst auch einbezogen. Es war schon eine große Herausforderung, überhaupt Menschen zu finden, die bereit waren, sich auf so eine Auseinandersetzung mit „ihrer” anderen Seite einzulassen. Und eine noch eine größere Herausforderung, diese zu überzeugen, sich dabei filmen zu lassen. Damit betritt der Film wirklich Neuland und die Protagonisten haben großen Mut aufgebracht.

In allen drei Fällen waren die eigentlichen Opfer der Gewalttat, die Ursprungsopfer, tot. Ist es so viel schwieriger, Fälle zu finden, in denen direkt betroffene Gewaltopfer, z.B. Vergewaltigungsopfer und Vergewaltiger, sich auf so einen Prozess einlassen?

Vergewaltigungen oder interfamiliäre Gewalt sind der wohl schwierigste Bereich, insbesondere was die Mediation betrifft, weil sich ganz schwer ein Austausch auf Augenhöhe herstellen lässt, ohne dass es zur Wiederholung und direkten Erinnerung der bedrohlichen Tatkonstellation kommt, also zu dem was auch Retraumatisierung genannt wird und mit Recht viele Sorgen bereitet bei allen Prozessen der Mediation in Fällen von Gewalt. Meine Entscheidung, sich auf Mordfälle zu konzentrieren, basiert darauf, dass es nicht noch komplizierter werden sollte, als es ohnehin schon ist. Bei einem Mord gibt es nur eine Art von Betroffenen auf der Opferseite, nämlich im weitesten Sinne Zeugen: Hinterbliebene, Freunde, die gesellschaftliche Umgebung. Eine dritte Ebene neben Täter und Sekundäropfer hätte die Vermittlung schwieriger gemacht und zu noch mehr Personen im Film geführt. Mir war es auch wichtig, mehr als ein Land und mehr als einen Fall zu zeigen, damit die übergeordnete Frage deutlicher wird. Durch die drei Länder sind die Strafen auch unterschiedlich - mal quasi endlos lang, mal relativ kurz. Interessant ist, dass das aber am Kernproblem für beide Seiten nicht viel ändert. Aus all diesen Gründen habe ich mich ausschließlich für Tötungsdelikte entschieden.

Wie haben Sie sich vor den starken Emotionen geschützt, die solche Geschichten unweigerlich mit sich bringen?

Die Begegnung mit den Protagonisten war sehr intensiv, so dass ich darauf aufpassen musste, Dokumentarfilmer zu bleiben und eine Balance zwischen Nähe und Beobachterposition zu finden. Ich musste auf verschiedenen Ebenen agieren: als menschliches Gegenüber und empatischer Konfliktbegleiter, aber auch als Filmemacher, der ökonomisch und zielorientiert handelt. Schon während der Suche nach den Protagonisten und später beim Versuch, sie zum „Mitmachen“ einzuladen, habe ich Unterstützung und Anleitungen von Nonviolent Communication Experten und professionellen Restorative Justice Mediatoren erhalten. Aber schon bevor die finalen Konstellationen feststanden, war es schwierig, denn ich musste erst mal lernen, mich bei der Suche nicht entmutigen zu lassen und Überzeugungskraft über Einfühlsamkeit zu entwickeln. Auch während der späteren Dreharbeiten hatte ich immer einen erfahrenen Rückhalt und sei es telefonisch für mich persönlich. Großes Glück hatte ich auch mit meinem kleinen Filmteam, das beim Dreh für alle eine große emotionale Sicherheit herstellte. Gelegentlich wurde ich bei der Arbeit praktisch von einem Konfliktbetreuer begleitet. So hatte ich immer jemanden, mit dem ich reden konnte. Genauso wie die Beteiligten den Konflikt nicht allein bewältigen können, brauchte ich Unterstützung. Natürlich war es unklar, ob der Prozess etwas bringen würde, da alles freiwillig und das Ergebnis des Prozesses stets offen ist. So bestand für alle jederzeit die Möglichkeit, auszusteigen, selbst noch ganz am Schluss. Außerdem hatte ich allen Protagonisten zugesichert, dass sie den Film final abnehmen würden und ein Vetorecht hätten. Bis heute stehe ich mit allen regelmäßig in Kontakt, auch wenn die Betreuung nicht mehr so intensiv ist wie während der Drehzeit.

Wie sind Sie auf den Gesprächskreis im Gefängnis in Wisconsin gestoßen? Gibt es solche Ansätze der Mediation zwischen Tätern und Opfern auch außerhalb der USA?

Diese Art von Gesprächskreis ist auch in den USA nicht sehr weit verbreitet, obgleich die Amerikaner ein viel weiter entwickeltes System haben, um sich der Opferseite von Gewaltverbrechen anzunehmen. Anders als in Deutschland, wo die Opferbetreuung erst in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden ist, gibt es in den USA in jedem Bundesstaat eigene Abteilungen in den Justizministerien, die sich nur mit Geschädigten von Verbrechen befassen. Dieser Fokus und eine stärkere Tradition, sich öffentlich vor Gruppen über persönliche Belange zu äußern, machen Idee und Praxis eines Gesprächskreises viel naheliegender. Ich bin über die ehemalige Richterin Janine Geske, die relativ bekannt ist für ihre Arbeit auf diesem Feld, auf den Circle in Wisconsin gekommen. Das Green Bay Prison Program gibt es seit 1997 und ist ein psychosoziales Lernprogramm mit dem dreitägigen Gesprächskreis zur Restorative Justice als Höhepunkt. Tatbetroffene und Tatverantwortliche sprechen dabei in einem geregelten Verfahren reihum und ermöglichen trotz des Stellvertretercharakters tiefe Emotionen und wesentliche Erfahrungen im Umgang mit Menschen der jeweils anderen Seite. Tatsächlich sind mir nur wenige solche Programme bekannt, was schon ein Dilemma ist. Denn wenn Frau Geske und die anderen älteren Damen, die solche Projekte betreuen und nicht im Film auftauchen, in einigen Jahren aufhören, ist es nicht klar, ob diese Art der Vermittlung Bestand haben wird. In Europa gibt es solche Ansätze aber auch, besonders in Belgien, in Deutschland jedoch nur ganz vereinzelt und nicht institutionalisiert.

Wie lassen sich solche Gesprächskreise in Zusammenhang mit dem sonst eher gnadenlosen Strafsystem der USA bringen?

In der Tat ist das unmenschliche Gefängnissystem in den USA mit Strafen von 65 oder 100 Jahren zu einem großen Teil das komplette Gegenteil von Resozialisierungsarbeit. Aber auch dort ist eine Debatte im Gang, dass man tatproportional bestrafen sollte und was das überhaupt heißen kann. Für einen Mord mehrmals lebenslänglich ohne Begnadigungsmöglichkeit zu verhängen, wird heiß diskutiert. Auch in den USA ist man inzwischen zu der Auffassung gelangt, dass eine Gefangenenrate, die sieben- oder zehnmal so hoch ist wie in Deutschland, nichts gebracht hat außer hohen Kosten. Es wird überlegt, wie man das Geld besser anlegen könnte, jedoch ist die Öffentlichkeit immer noch auf die Hoffnung von Sicherheit durch Strafe fixiert und wird gerade in den USA durch die öffentlichen Medien darin immer wieder bestärkt, obwohl jeder Wissenschaftler ihnen sagt, dass es Unsinn ist. Für uns in Deutschland ist es aufgrund unserer verfassungsrechtlichen Ausgangslage selbstverständlich, dass es um Resozialisierung gehen soll, aber auch unsere Öffentlichkeit würde sich wahrscheinlich majoritär dagegen stellen, wenn man sie fragen würde. Es ist ein Feld, in dem noch viel Aufklärung gebraucht wird. Gesprächskreise wie solche im Film liegen jenseits der Vorstellungskraft der Allgemeinheit, darum habe ich den Film auch gemacht, um solche Ideen zu dokumentieren, sie quasi im Film zu erforschen.

Wieso erzählt der Film die Konflikte der Protagonisten nicht konsequent zu Ende? Wieso erfahren wir nicht, wie es mit ihnen weitergeht?

Viele Auseinandersetzungen, von denen der Film handelt, eignen sich eigentlich gar nicht für die Leinwand. Das war ja auch mein Dilemma bei dem Versuch, Protagonisten zu finden. Und vielleicht auch ein Grund, warum nicht überall die große Lösung plötzlich da ist. Man würde normalerweise erwarten, dass ein solcher Film zeigt, wie sich in verschiedenen Ländern die Konfliktparteien treffen, sich versöhnen und dann irgendwie alles wieder gut ist. Aber der Film zeigt etwas anderes; er zeigt, wie schwer dieser Prozess ist und dass er trotzdem etwas bringt. Ein Treffen der Familien von Tätern und Opfern wäre beispielsweise auch sehr wünschenswert, doch auf der Opferseite waren weder Erik noch Leola dazu bereit. Ich habe selbst lange gebraucht, nicht auf eine Lösung zu hoffen, wie sie mit dem deutschen Begriff des Täter-Opfer-Ausgleichs suggeriert wird, sondern auf den offenen Ausgang des Restorative Justice Ansatzes zu vertrauen, selbst in den drei sehr widrigen Konstellationen des Films. Kurz gesagt: Trust the process. Es bestehen durchaus Ambitionen bei allen Protagonisten des Films, ihren Prozess mit der Gegenseite weiterzuverfolgen, aber das ist nicht mehr Bestandteil des Films und deswegen nur angedeutet. Ein Film muss zum Ende kommen; der Prozess für die Beteiligten geht weiter, nur nicht mehr in der Öffentlichkeit.

 

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