Beyond Punishment / Film / Director's Note

Director’s Note

Von Hubertus Siegert - Autor, Regisseur & Produzent

Ich habe viele Gefängnisfilme gesehen. Entweder steht das Gefängnis als etwas Destruktives im Mittelpunkt, ohne Hoffnung dem Ziel näher zu kommen, die Delinquenten für die Zukunft gesetzestreu zu machen. Oder das Gefängnis wird als reformorientierte „Besserungsanstalt“ gezeigt, durch bessere Therapie, bessere Erziehung, bessere Ausbildung oder härtere Disziplin – im Sinne der Prävention neuer Straftaten. In der Perspektive auf das neuzeitliche Gefängnis, den modernen Strafvollzug, interessiert mich jedoch etwas anderes. Mich beschäftigt der Umgang mit der emotionalen Seite, mit jenem tief sitzenden Schmerz und Hass, mit all dem Leid, das ich unter der Oberfläche spüre und beobachte, wenn ich ein Gefängnis besuche oder ein Strafurteil lese, wenn ich den Versuch unternehme, mit den Delinquenten oder mit der Seite der Beschädigten und Verletzten in Kontakt zu kommen. In BEYOND PUNISHMENT interessieren mich all jene Gefühle und Bedürfnisse, die im modernen Justizapparat und Strafvollzug keinen ausreichenden Raum haben.

Zweifellos, das Strafgericht muss den Konflikt zum Schutz aller und zum Schutz vor Selbstjustiz rational unterbinden, aber das Gericht kann den Konflikt nur begrenzt bearbeiten. Es findet eine „Enteignung des Konflikts“ statt, wie es der norwegische Kriminologe Nils Christie bereits 1977 genannt hat. Der Konflikt wird von den Beteiligten weg in das staatliche Justizsystem verlagert. Das schafft langfristig schwierige Voraussetzungen, um nach einem Gewaltverbrechen so etwas wie inneren Frieden wieder herzustellen.

Ich habe bei meinen Recherchen gespürt, dass die Schalen auf beiden Seiten nicht nur extrem verkrustet sind, sondern dass sehr wenig Glauben existiert, an die Stelle von zerstörerischen Fantasien und negativen Gefühlen irgendeine Form der konkreten Wahrnehmung der anderen Seite treten zu lassen. Die Leidtragenden der Opferseite bleiben emotional an die Vergangenheit gebunden, fühlen sich weiterhin als ohnmächtige Opfer der tragischen Ereignisse und von Staat und Gericht bisweilen furchtbar allein gelassen. Auch die andere Seite stagniert. In dem hermetischen System aus Strafverteidiger, Richter, Staatsanwalt, Gefängnisbediensteten und forensischem Gutachter wird den Delinquenten häufig beigebracht, ihre Vergehen maximal runterzuspielen und sich gleichzeitig „reumütig“ zu zeigen, um die Strafe möglichst gering zu halten.

In der Mehrzahl aller Gewaltdelikte gibt es meines Erachtens die Möglichkeit zu einer hilfreichen Auseinandersetzung jenseits der strikten Trennung durch Rechtsprechung und Strafvollzug. Fälle dieser Art suchte ich für BEYOND PUNISHMENT. In jedem der drei Fälle im Film werden die Protagonisten beider Seiten vor die Wahl gestellt. Wollen sie Konkretes übereinander erfahren, sich vielleicht sogar persönlich treffen, um aus der Spirale von Projektionen und Vermutungen über die andere Seite herauszukommen? Oder wollen sie lieber die bleiben, die sie sind, an ihren Rollen als “Opfer” und “Täter” leidend, aber auf den Halt in Vergeltung, Strafe und Vergessen hoffend? Wie können Informationen und emotionale Erfahrung der anderen Seite ein Loslassen bewirken, um aus der Rollenpassivität herauszutreten?

Das Thema Kriminalität rangiert in der Öffentlichkeit ganz weit oben, es ist regelmäßig in den Nachrichten, beeinflusst Politikerauftritte; selbst in den Unterhaltungsmedien spielt es eine tragende Rolle. Gleichwohl diskutieren wir eher abstrakt darüber, wie auf Kriminalität zu reagieren ist, und haben nicht im Auge, dass der tiefe Schmerz, die unvernarbte Verzweiflung, Quellen neuer Gewalt durch die Betroffenen oder deren Nachfahren sein können - und statistisch betrachtet regelmäßig sind. Je stärker das Strafbedürfnis, desto mehr Gewalt ist unbewältigt und desto gewalttätiger ist eine Gesellschaft. Wir betrachten das Verbrechen selten so wie es tatsächlich erlitten wird: als eine tiefe Verletzung von realen Menschen durch reale Menschen.

 

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